VTR Customs baut die R 1300 GS zweimal neu: Supermoto und Urban X

VTR Customs baut die R 1300 GS zweimal neu: Supermoto und Urban X
In Schmerikon stehen zwei BMW R 1300 GS nebeneinander, und außer dem Boxer-Triebwerk verbindet sie auf den ersten Blick wenig. Die eine rollt auf 17-Zoll-Carbonrädern und ist ganz auf maximale Straßenperformance ausgelegt, die andere ist bis aufs Skelett entkernt und trägt ihren fetten Tank wie ein Statement. Beide stammen von VTR Customs, und beide zeigen, wie viel Spielraum in der aktuellen 1300er-Plattform steckt, wenn man sie nicht für die Weltreise, sondern für ganz andere Zwecke denkt.
Sport statt Fernreise
Die klassische GS-Umbau-Richtung ist bekannt: Schutzbügel, Koffer, Zusatztank, Zelthalter, alles auf große Reisen ausgelegt. Dani von VTR Customs interessiert das wenig. Er kommt aus dem Motocross und dem Supermoto, fährt mit Kunden Offroad-Events und sucht auf der GS genau die Agilität, die man ihr eigentlich nicht zutraut. Auf Social Media hört er regelmäßig, ein 27.000-Franken-Motorrad zur Supermoto umzubauen, ergebe keinen Sinn. Seine Antwort: Er gibt den Kritikern recht und macht es trotzdem, weil es geht und weil es Spaß macht.
Die 1311 Supermoto: Der Trick steckt in der rotierenden Masse
Auffälligstes Bauteil der Supermoto sind die Carbonräder von Rotobox, vorne wie hinten in 17 Zoll. Wer dabei an große Gewichtsersparnis denkt, liegt daneben: Gegenüber der Serie spart das Carbon nur rund zweieinhalb Kilo, auf der Straße laut Dani vernachlässigbar. Spürbar wird stattdessen die reduzierte rotierende Masse. Der Wechsel von 19 auf 17 Zoll mit gleich schweren Alufelgen würde kaum etwas verändern, der Sprung auf Carbon dagegen schon deutlich.
Die Sorge, eine GS werde auf 17 Zoll kipplig und nervös, hat sich nicht bestätigt. VTR ist erst Kineo-Räder gefahren, dann Carbon, und beschreibt das Ergebnis als gut fahrbar statt zickig. Der Vorderwagen senkt sich dabei nur etwa anderthalb Zentimeter ab, spürbare Nachteile bei Nachlauf oder aufsetzenden Fußrasten gibt es laut Dani nicht. Am Fahrwerk selbst rührt VTR bewusst wenig: Anders als bei den 1250er-Umbauten, wo noch Touratech- und Wilbers-Komponenten mit der ESA kombiniert wurden, hält Dani das Serienfahrwerk der 1300er für so gut, dass ein Aftermarket-Setup nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch verbaut wird.
Räder, Reifen, Schutzbleche, die Anpassung auf 17 Zoll und der Eintrag summieren sich auf rund 8.000 Franken, noch bevor lackiert ist. Mit der fünffarbigen Freuler-Lackierung liegt der komplette Umbau bei etwa 27.000 Franken, das fertige Fahrzeug bei rund 49.000 Franken. Der Name 1311 ist übrigens keine Modellbezeichnung, sondern schlicht eine fortlaufende Nummer, die Dani jedem Umbau einmalig vergibt. Aktuell dient die Maschine mit rund 200 Kilometern als Vorführtöff und geht Ende Jahr in den Verkauf, im nächsten Jahr folgt eine neue Ausführung in anderem Design.
Urban X: Der Adventure-Tank bleibt, der Rest fällt weg
Die zweite GS schlägt die entgegengesetzte Richtung ein. Basis ist ausgerechnet die reisigste Variante, die Adventure mit ihrem 30-Liter-Tank, dem Dani konsequent alles wegnimmt, was nach Fernreise aussieht. Der voluminöse Tank bleibt als Blickfang stehen, der Rest wird so schlank wie möglich gestrippt. Das Ergebnis nennt Dani selbst hammer geil und ein bisschen hässlich, und meint das als Kompliment: ein dicker Tank, sonst alles schmal, das ergibt einen bewusst schrägen Auftritt.
Der Öffentlichkeit präsentiert hat VTR die Urban X bei den BMW Motorrad Days in Garmisch. Bei tausenden GS-Fahrern im Publikum kam vor allem eine Frage: wo denn der Koffer hin solle. Danis Antwort ist eindeutig, mit dem Urban X fährt niemand ans Nordkap, wer Koffer braucht, kauft eine reguläre Triple Black samt Dreierset. Der Umbau versteht sich als Gegenentwurf, nicht als Reisegerät.
Das handgemachte Kurzheck ist als Prototyp deklariert und in der Schweiz für den Solobetrieb straßenzugelassen, ein serienmäßiges Umbaukit wird daraus bewusst nicht, Dani will nicht in den Teilevertrieb einsteigen. Die Farbe Sahara Green auf Mattschwarz ist einem Rennvelo mit schwarzen Felgen nachempfunden, dessen Farbton ihn beim Vorbeigehen so überzeugte, dass er ihn nachmischen ließ. Den Sattel im URUS-Stil hat Yves Knobel beigesteuert. Der Umbau kostet rund 15.000 Franken, das komplette Fahrzeug im Aktionspreis etwa 29.900 Franken.
Die VTR-Handschrift
Beide Bikes tragen dieselben Signaturteile: Atto-Blinker von Kellermann, Motogadget-Endspiegel, Schrumpflack auf den Ventildeckeln, Heat Tape am Krümmer, ein Knobel-Sattel und Freuler-Lackierung. Zugekauft wird ausschließlich bei Herstellern wie Rizoma, SC Project und Motogadget, Billigteile haben an einem VTR-Bike keinen Platz. Das eigentliche Herzstück sind aber die von Hand gedengelten Aluteile, ein Gegenentwurf zur jüngeren Custom-Generation, die vieles per 3D-Scan und Druck löst. Bei VTR entsteht jede Schale nach Augenmaß, gebogen, geprüft, nachgebessert, bis die Linie passt.
Über allem steht ein Grundsatz, an dem Dani nicht rüttelt: Ein Umbau muss sich gut fahren, nicht nur gut aussehen. Verschlechtert ein Detail die Fahrdynamik, kommt es nicht ans Motorrad, selbst wenn ein Kunde es ausdrücklich wünscht.
Am Ende erzählen die beiden R 1300 GS dieselbe Geschichte aus zwei Richtungen: die eine sucht die Dynamik auf der Straße, die andere die Provokation im Stadtbild. Beide zeigen, wie viel Interpretationsspielraum im neuen Boxer steckt, sobald man ihn nicht als Reiseplattform, sondern als Ausgangspunkt begreift.